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| FG19: Geben die Evangelien nicht widersprüchliche
Berichte über den Zeitpunkt von Christi Kreuzigung? |
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AG19:
Einer der sogenannten Widersprüche, mit denen wir
konfrontiert werden, betrifft den Widerspruch zwischen
den Evangelien des Markus und des Johannes hinsichtlich
des Zeitpunkts der Kreuzigung Jesu.
Markus 15,25 stellt fest: »Es war um die dritte Stunde,
als sie ihn kreuzigten«, während wir in Johannes 19,14 lesen:
»Es war am Rüsttag des Passahfestes, ungefähr um die
sechste Stunde. Pilatus sagte zu den Juden: Das ist euer
König!«
Dies stellt in der Tat eine Schwierigkeit dar, da Jesus laut
Markus zur dritten Stunde nach jüdischer Zeitrechnung
gekreuzigt wurde, das entspricht neun Uhr morgens, während
Johannes ihn um die sechste Stunde, oder Mittag, vor
Pilatus stehen läßt.
Viele sagen, dieser Widerspruch sei unmöglich zu beheben,
während andere behaupten, der Unterschied zwischen
beiden sei das Ergebnis eines frühen Abschreibfehlers.
Keine dieser beiden Ansichten ist einleuchtend oder
annehmbar.
Es gibt zwei mögliche Lösungen, die ausreichendes Gewicht
für sich haben. Eine Lösung beruht auf dem Wort
»ungefähr« in der Zeitaussage des Johannes. Er sagt, daß es
nicht genau die sechste Stunde war, sondern ungefähr diese
Zeit.
Außerdem zwingt uns der Bericht des Markus nicht zu
glauben, es sei genau neun Uhr vormittags gewesen, als
Jesus ans Kreuz geschlagen wurde. Dies wird deutlich,
wenn man die Art versteht, in der das Neue Testament die
Zeit berechnet.
Die Nacht war in vier Wachen zu je drei Stunden eingeteilt
(vgl. Mark. 13,35), und der Tag war auf ähnliche Weise
in Perioden unterteilt. Angesichts dieser Tatsache können
wir uns vorstellen, daß die Aussage des Markus über die
›dritte Stunde‹ einfach bedeutete, daß Jesus irgendwann
während der dritten Stunde (zwischen neun Uhr und Mittag)
gekreuzigt wurde, während die Aussage des Johannes,
der Prozeß habe ungefähr mittags geendet, vor Mittag
bedeuten kann.
Wenn also die Kreuzigung zwischen neun Uhr und Mittag
stattfand, könnte Markus sie der früheren Periode (9
Uhr) und Johannes der späteren Periode (Mittag) zugewiesen
haben, ohne daß es einen Widerspruch gibt.
»Wenn die Kreuzigung in der Mitte zwischen neun und
zwölf Uhr stattfand, dann war es ganz natürlich, daß der
eine Beobachter sie der früheren, der andere der späteren
Stunde zuschrieb.
Der Stand der Sonne am Himmel war der Zeitanzeiger
der damaligen Zeit; so war es zwar leicht festzustellen, ob
es vor oder nach Mittag war oder ob die Sonne vor oder
nach der Mitte zwischen Zenit und Horizont stand, feinere Zeitunterschiede konnten aber nicht ohne Hilfe einer
Sonnenuhr festgestellt werden, die aber nicht überall zur
Hand war« (The Expositor’s Greek New Testament, Kommentar
zu Joh. 19,14).
Eine weitere Möglichkeit ist, daß Johannes eine andere
Methode der Zeitrechnung verwendet als Markus. Wir
wissen durch Plutarch, Plinius, Aulus Gellius und Macrobius
mit Sicherheit, daß die Römer den zivilen Tag von
Mitternacht bis Mitternacht rechneten, genau wie wir heute.
So wäre die »sechste Stunde« des Johannes sechs Uhr
am Morgen. Damit wäre sechs Uhr morgens die Zeit des
letzten Verhöres Jesu und seiner Verurteilung, womit ausreichend
Zeit für die Ereignisse bis zur Kreuzigung bleiben,
die nach Markus um neun Uhr morgens oder später
stattfand.
Es gibt gute Beweise dafür, daß Johannes diese Art der
Zeitrechnung verwendet hat. In der Schrift ist es nicht ungewöhnlich,
daß verschiedene Autoren unterschiedliche
Methoden der Zeitmessung und der Zeitrechnung benutzen.
Im Alten Testament geben die Verfasser ihre wichtigen
Daten oft nach dem Kalendersystem des Landes an, in dem
sie zur Zeit leben. Zum Beispiel war in Jeremia 25,1 und
46,2 nach palästinischer Rechnung und in Daniel 1,1 nach
babylonischer Rechnung dasselbe Jahr.
Ein Beispiel aus dem Neuen Testament bietet Johannes
20,19. Der Abend des Tages, an dem Jesus von den Toten
auferstand, wird als Teil desselben Tages betrachtet. Offensichtlich
rechnet Johannes nicht nach jüdischer Zeit. Nach
jüdischer Zeitrechnung wäre der fragliche Abend Teil des
Montags – für die Juden der erste Tag der Woche, da der
jüdische Tag mit Sonnenuntergang begann.
Dieser mögliche Faktor zeigt, zusammen mit dem vorher
Erwähnten, daß es durchaus nicht unmöglich ist, die
Schwierigkeit dieser beiden Abschnitte zu lösen, und daß
es für diese Schwierigkeit eine vernünftige Erklärung gibt. |
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