|
| FB26: Begeht Matthäus nicht einen Fehler, wenn er eine Prophezeiung Jeremia zuschreibt, die in Wirklichkeit von Sacharja getroffen wurde?
|
| |
AB26:
Im Evangelium nach Matthäus fühlt Judas Ischariot,
nachdem er Jesus verraten hat, Reue über seine bösen
Taten und wirft das Blutgeld in den Tempel, dann begeht
er Selbstmord. Matthäus berichtet weiter, daß die
Priester das Geld nahmen und es verwendeten, um einen
Töpferacker zu kaufen.
Matthäus schließt: »So erfüllte sich, was durch den Propheten
Jeremia gesagt worden ist: sie nahmen die dreißig
Silberstücke – das ist der Preis, den er den Israeliten wert
war – und kauften für das Geld den Töpferacker, wie mir
der Herr befohlen hatte« (Matth. 27,9-10).
Das Problem ist, daß Vers 9 die Prophezeiung Jeremia
zuschreibt, während es scheint, daß es Sacharja war, der
diese Voraussage machte. Wenn man Matthäus 27,9 im Licht
von Sacharja 11,12-13 betrachtet, so wird klar, daß dies die
Prophezeiung ist, die erfüllt wurde. Warum schreibt Matthäus
sie dann Jeremia zu?
Zur Lösung des Dilemmas sind unterschiedliche Lösungen
angeboten worden. Eine Idee ist, daß es sich um eine
mündliche Aussage des Jeremia gehandelt habe, aber das
läßt sich nicht beweisen und sollte daher außer Acht gelassen
werden. Der Kirchenhistoriker Eusebius behauptete,
die Juden hätten diesen Abschnitt im Buch des Jeremia
ausgestrichen, aber das ist nicht mit der Achtung der Juden
vor der Schrift vereinbar.
Die Ehrfurcht der Schreiber war so groß, daß sie sich
sogar, wenn sie einen offensichtlichen Irrtum entdeckten,
weigerten, den Text zu ändern. Statt dessen machten sie
am Rand eine Anmerkung.
Manche Leute kommen einfach zu dem Schluß, daß Matthäus
einen Fehler machte, während andere versuchen,
diese Prophezeiung mit einem Teil von Jeremia zu verbinden.
Es gibt solche, die behaupten, es handle sich um den
Irrtum eines frühen Kopisten und im ursprünglichen Text
habe Sacharja gestanden. Das ist bloße Vermutung.
Eine mögliche Lösung ist der Vorrang des Jeremia im
Talmud (Baba Bathra 14b, J.B. Lightfoot, Horae Hebraicae et
Talmudicae, 11, 362). Jeremia wurde in der alten rabbinischen
Ordnung der prophetischen Bücher an die erste Stelle gesetzt.
Matthäus zitiert dann aus der Sammlung von Büchern
der Propheten und nannte Jeremia, weil dieser der Erste
und daher namensgebend war. Dasselbe geschieht in Lukas
24,44, wo die Psalmen zitiert werden, während der gesamte
dritte Teil des hebräischen Kanons gemeint ist.
Ein Problem mit dieser Lösung besteht darin, daß das
Neue Testament nirgendwo sonst einen Abschnitt unter
dem Sammelnamen Jeremia zitiert. Wenn Matthäus sich
an anderer Stelle auf Jeremia bezieht, gibt er eine Passage
in Jeremia selbst an (2,17) und wenn er Jesaja erwähnt, verwendet
er Abschnitte aus Jesaja (4,14; 8,17; 12,17, usw.).
Die vielleicht beste Lösung wäre so zu verstehen, daß
Matthäus zwei Prophezeiungen kombiniert, eine von Jeremia
und eine von Sacharja, und für das zusammengesetzte
Zitat nur einen Autor nennt, nämlich Jeremia, den
großen Propheten.
Sacharja sagt nichts über den Kauf eines Feldes, aber
Jeremia erklärt, daß der Herr ihm befahl, ein Feld zu kaufen
(Jer. 32,6-8), als feierliche Garantie des Herrn selbst dafür,
daß in künftiger Zeit Felder und Weingärten im Land
gekauft und verkauft werden sollten (Jer. 32,15.43ff).
Eines der Felder, die Gott im Sinn hatte, war das Töpferfeld.
Sacharja fügt die Details von den 30 Silberstücken und,
daß das Geld auf den Boden des Tempels geworfen wird,
hinzu. So wird deutlich, daß Matthäus Einzelheiten von
beiden Propheten übernimmt, aber er betont Jeremia, der diese Geschehnisse vorhersagte.
Dr. J.E. Rosscup vom Talbot Seminar vertritt eine Ansicht,
die mit der obigen übereinstimmt. Er führt aus:
»Matthäus war der Meinung, daß zwei Abschnitte in Erfüllung
gegangen waren, eine symbolische (Jer. 19,1-13) und
eine bestimmte (Sach. 11,13) und erwähnte nur einen Autor
des zusammengesetzten Zitats, eine Praxis, die, nach
Robert Gundry, manchmal vorkam (The Use of the Old Testament
in St. Matthews Gospel, S.124-125).
Auch John N. Cool kommt zu dem Schluß, daß Matthäus
überwiegend Sacharja benutzte, aber auch Jeremia 19
im Sinn hatte, besonders wegen des Motivs des Gerichts
über Israel (»A Study of Matthew 27,9.10« Magisterarbeit,
Talbot, 1975, S. 56-62,66,67).
Cool sagt: Beide (Tal, Jer. 19; Feld, Matth. 27) wurden
Begräbnisstätten, und beide Namen wurden geändert, um
das Volk an Gottes Gericht zu erinnern. Dies … wird …
durch die traditionelle Lokalisierung des Töpferfeldes bestätigt
… im Tal Hinnom, wo Jeremia sein Gericht verkündete,
indem er seinen Namen in ›Mordtal‹ änderte.
Zweitens erinnert die Tatsache, daß Matthäus in seinen
Zitaten konsequent Jesaja und Jeremia verwendet, seine
Leser an Gottes Erlösung und Gericht für sein Volk. Jesaja
wurde mit der Erlösung verbunden, Jeremia … mit dem
Gericht.
Der Gebrauch von tote in Matthäus 2,17 und 27,9, statt
des zweckvollen hina oder houtos in den Einleitungen der
anderen Formeln, unterstreicht ebenfalls das Gerichtsmotiv,
durch den Hinweis darauf, daß die Feinde Christi die
Prophezeiung ›erfüllen‹ (S. 66,67).
Gundry sagt, daß Matthäus durch das Zitat des Jeremia
in der Einleitungsformel sicherstelle, daß der Leser die Verbindung
mit Jeremia 19 erkenne, die sonst übersehen werden
könnte (S. 125).« |
| |
|